Dienstag, Januar 29, 2008

let's get incredible.

encorencore ist fucking alive? Es ist anders als es scheint. Ja, ich wollte das Bloggen am liebsten sein lassen, weil ich ein immer größeres Problem damit habee, was ein Blog ist, oder mehr ncoh: wozu er benutzt und wie er wahrgenommen wird. Selbstdarstellung, Nachrichten aus der eigenen Nichtigkeit, Dinge, die keinen interessieren, aber doch den ein oder anderen ärgern. Informationsmüll. Kein Mensch braucht das. Schon gar nicht den Blogger aus Schuldbewusstsein, der meint, er müsse jeden Tag etwas innig-sinniges aus sich hinauszutzeln.

Nie wieder schreiben wollte ich, nachdem ich in einer letztjährigen Spex folgendes Zitat von Alfred Hildberg gelesen habe:

"Grundsätzlich ist diese virtuelle Welt ja begrüßenswert. Sie ist größer als alles, was wir bisher kannten, sie ist global, sie bietet Möglichkeiten, von denen ich vor zwanzig Jahren nur geträumt habe. Schaue ich mir aber an, welche Auswüchse die digitale Revolution mit sich gebracht hat, dann ist sie leider nur ein Spiegelbild dessen, was allgemein derzeit gesellschaftlich passiert. Ein Spiegelbild der tendenziell immer mehr um sich greifenden Individualisierung. Und die funktioniert nicht im Sinne einer Stärkung des Selbstbewusstseins, nicht in der Entfaltung individueller und kollektiver Möglichkeiten. Sie fördert die Vereinzelung, die Isolierung. Spätestens hier beginnt das Erschrecken. Denn die Artikulation von 99% der Menschen, die das Internet nutzen, ist ja die unbewusste Selbstdarstellung von Hilflosigkeit, von Isolation, von Unfähigkeit zur Kommunikation. Geschweige denn künstlerische Artikulation. Diese millionenfache Selbstdarstellung ist kaum erträgliches Mittelmaß, um es noch halbwegs positiv zu formulieren. Das ist kein Vorwurf an die Produzenten dieses Niveaus, es ist schlicht das Ergebnis der kulturellen, der gesellschaftlichen Nivellierung."

Und trotzdem mache ich weiter, nicht für dich und dich oder, wie es mancher Kommentar unter dem letzten Eintrag vermuten lassen könnte: als Ersatzhandlung; sondern für die handvoll Menschen, die es gerne lesen. Weil es die und mich entspannt. Und weil ich nur noch selten schreiben werde, nämlich dann, wenn es wirklich etwas zu schreiben gibt, wenn was raus muss.

So let's get incredible. Ich habe meine persönliche Aufgabe für das kommende Jahr gefunden. Sie hängt eng damit zusammen, dass ich mich gerade von dem Leben, das ich die letzten 10 Jahre oder so geführt habe, langsam verabschiede. Weil ich von Szenenmeierei und Pop-Sloganeering gerade so richtig genug habe. So vieles von dem was sich in dieser kleinen Subkultur abspielt, verpufft auch genau da. Ob Band X nun in Y oder Z spielt, ist eigentlich nebensächlich. Ob sie Message A, B oder C vertritt ist nur für die Kategorisierung wichtig, und von Akkordfolgen bis zu Artworkgeschichten ist einfach mal im schlechtesten Fall - der Norm - alles genormt und Standarts angepasst.

Und es ist ja auch eine Crux: Natürlich will jede Band mal sowas einleuchtendes wie Fugazi's "Merchandise" schreiben. Aber Fugazi gibt es eben schon, genau wie es auch nur eine Tragedy braucht, jede weitere Crust-Band ist nichts anderes als Entertainment, Leben im Überfluss. Popzirkus eben, gute Unterhaltung, aber ernstnehmen kann ich das nicht, nur weil es ein wenig mehr Niveau als DSDSS und ein bisschen mehr Moral als die große Koalition hat.

Ian Svenonius' letztjähriges Buch "The Psychic Soviet" hat das für mich ganz gut auf den Punkt gebracht: Rock'n'Roll mit seinem "I want it all and I want it now"-Gestus ist so etwas wie der Gipfel des popkulturellen Kapitalismus. Leider habe ich das Buch gerade nicht zur Hand; darin steht aber auch manch anderes schlüssiges, etwa wie sich jede/r durch Szenenzugehörogkeit ncoh weiter und weiter einreiht ins Marktsegment.
Immer wieder kommt dabei seine Rede auf etwas, das all dem entgegensteht: Volksmusik. Traditionals. Folklore. Lieder, die von Mund zu Mund gehen, die außerhalb des Marktes stehen. Und dabei einen kulturellen Konsens verbreiten, eine Geschichte erzählen. Das klingt erstmal nach Jungschar, Volkstum und Mittelalter, ist es aber auf den zweiten Blick nicht. Folklore hat seit jeher mit Protest zu tun. Und greift auf einen Schatz an gemeinsamem Kulturgut zurück. Und genau das kann ja auch nationsunabhängig stattfinden. Globalisierung hat auch diese Facette.

Der Blue Ribbon Glee Club hat einen solchen Ansatz, sicherlich unabhängig von Svenonious, zu Ende gedacht, denn eigentlich ist es ja ganz einfach. Hinter dem Namen versteckt sich ein 30-köpfiger Chor, der seine ganz eigenen Traditionals bastelt und etwa "Waiting Room" oder Black Flag's "TV Party" in A-Capella-Versionen darbietet.
Das Schöne ist, dass es dabei nicht um Geld geht, nichtmal um Kostendeckung. Man braucht ja nichtmal Strom. Kann sich einfach irgendwo hinstellen und anfangen. Szenegrenzen werden ganz natürlich überschritten und nebenbei kann auch noch ganz galant in den öffentlichen Raum eingegriffen werden, genauso wie auch Band-/Publikumsgrenzen aufgehoben werden. Gendertechnisch ist es auch recht okay, weil man Männer- wie Frauenstimmen braucht. Und wie zufällig hält sich im Chor wie auch bei den Darbietungen sowohl Gewalt als auch übertriebener Narzissmus sehr in Grenzen: es geht darum, etas zusammen zu machen, endlich.

Das klingt so fantastisch, das will ich auch. Wie wäre das denn, "Bullenschweine" im Vokalensemble? "Sound System" aus 30 Kehlen? Tambourins und Tubas?

Also: Suche ca. 20 Menschen zur Gründung eines Chors. Bitte melden. Jetzt.

3 Comments:

Anonymous rené said...

hum. also das finde ich eigentlich besser als den chor, den du da auf myspace verlinkt hast. am besten gefällt mir, dass der dirigent die ganze zeit rückwärts blättert, sehr psychedelisch.

6:42 nachm.  
Anonymous eve massacre said...

Jetzt muss ich doch auch mal kommentieren. Ach Seppo, manchmal klingst du so frustriert, da tät ich dich am liebsten in den Arm nehmen und sagen "alles wird gut". Das mit dem Chor erinnert mich persönlich an den Polizeichor von den Radio ZlerInnen seinerzeit, der dann 'I shot the sheriff' und sowas sang und voll total arg subversiv war, aber leider halt nicht mein Ding... ;)
Mich würde ja mal interessieren, was diese Szene ist, von der du so ein Riesenbedürfnis hast, dich abzuheben und anders zu sein. Auch, zu welcher Seite ich da zum Beispiel gehöre - zu den Guten oder den Bösen? Denn ich seh mich nicht als großartig 'anders' und vieles an Szenen finde ich auch positiv, weißt schon, so Hippiekram wie community und so, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen, und Leute zu haben, die meinen Geschmack teilen, etc. Ist 'Szene' einfach ein Wort, dass du für alles verwendest, wo du dich nicht zugehörig fühlen willst oder fühlst?
Die Abgrenzung hat halt immer sowas von 'ich mach's richtig, die andern nicht', und wenn wir ehrlich sind, gibt's doch bitteschön gar kein richtiges 'Draußen', sondern nur verschiedene Grade und Arten davon, Kompromisse einzugehen.
Ach ja, und dieser Hilsberg. Nur weil so ein alternder Kultursnob, der in den 80ern mal voll Underground war (Blasphemie, ich weiß! ;) ) die Alltäglichkeit des Bedürfnisses, sich zu artikulieren, um sich ein Stück weit existenter zu fühlen, oder um auf Gedanken zu kommen, auf die man sonst nicht kommt, oder einfach Gedanken, in den Raum zu werfen, die vielleicht von anderen aufgenommen werden und zur Kommunikation oder zum Weiterdenken einladen, oder was auch immer die zahllosen Gründe für Blogger sind sich mitzuteilen, also: nur weil ein alternder Hilsberg diese faszinierende Vielfalt und Freiheit so banal als 'Selbstdarstellung' negativ ankreidet, lass du dich bitte nicht davon abhalten, denn ich lese sehr gern, was du immer so schreibst.

10:42 nachm.  
Anonymous eve massacre said...

ach ja - und ich hab mir den hilsberg artikel auf der spex-seite nochmal durchgelesen, und ein kommentar dort, trifft es, finde ich, recht gut: "Das ist wirklich ein trauriges Interview. Da verteidigt ein alter Hase seine alten Freunde und sein altes Netzwerk. Früher hat er doch selbst alles ausgesucht, was wichtig war. Heute darf jeder selbst aussuchen? Das kann doch nichts taugen! Sagt Herr HIlsberg. Früher war alles besser? Nicht wirklich."

10:49 nachm.  

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