Dienstag, Januar 08, 2008

teil II: today we become the enemy.

03.01. - 06.01.08: here comes conclusion herzt telemark

Das glamouröse Leben im Tourbus sieht genau so aus:
Aber. Zuvor gab es erst einmal Aufwachen und Frühstücken in der Maison Telemark. Für Here Comes Conclusion gab es Brötchen, Käse und Aufstriche, Telemark machten weiter mit ihrer Zigaretten-Diät. Zwei vor dem Essen, dann ein Schnitzel, dann eine nach dem Essen. Während ich das schreibe, bekomme ich unglaubliche Lust auf eine Kippe, ehrlich.
An diesem Morgen hielt ich mich aber dank fehlender Stimme und aufgeplatzten Lippen freundlich zurück, habe lieber wieder ein bisschen in den Bücherregalen gestöbert und dabei Peter Bursch's Anleitung zum richtigen Spielen der Metalgitarre gefunden. Gibt es eigentlich irgendjemanden, der/die nicht mit Peter Bursch ein Saiteninstrument gelernt hat? Ich habe damals Wandergitarre mit Peter gelernt, bis zum ersten Barrégriff; als ich da bemerkte, dass man den Griff nur verschieben muss, war es um meine musikalische Erziehung geschehen und ich habe angefangen, wochenweise Punkalben runterzuschrauben.

Frühnachmittags brechen wir auf, nach Göttingen. Die Ingwerteebatterie wird wieder vollgemacht. Nach ungefähr viereinhalb Stunden, zeitgleich mit dem Anbruch der Dunkelheit, kommen wir in Göttingen an. Ich kenne Göttingen nur aus den wenigen Erzählungen einer guten Freundin, hatte es mir aber im Geiste keinen Moment anders vorgestellt. Viel Fachwerk, regennasser Teer, schon beim Einfahren in die Stadt wird der Atem langsamer. Eine bestimmte Art von Ordnung, die niemand bestimmtes befiehlt und die jeder befolgt. Früher hätte ich das nicht ausgehalten, heute strahlt es eine besondere Ruhe auf mich aus.
Das Juzi steht an und für sich im Gegensatz dazu, klar. Bunt, autonom (und aus irgendeinem Grunde genau neben der SPD-Zentrale); aber auch einfach schön gemacht, man merkt, dass da viele Jahre (über 25) an Arbeit und Planung und Plenen und Agitation dahinterstecken. Das tut gut, als notwendiger Ausgleich zu Fachwerk und Göttinger Bratwurst wie zu kommerziellen Läden wie dem Tsunami in Köln. Hier passiert mehr als nur Musik; alles andere ist Pop und wir hassen Pop - spätestens nach dieser Tour.

Kurz nach Ankunft treffen wir auf Benni, der das Konzert für uns organisiert hat und er und ich müssen lachen, da wir beide das selbe Hemd tragen. Je länger der Abend, desto frappierender werden gewisse Gemeinsamkeiten. Selbes Schuhwerk, selbe Gegenstände in den selben Taschen, ja, sogar die Kaugummis sind die selben. Vom unzweifelhaften Musikgeschmack ganz abgesehen. Schließlich spielt Benni ja auch noch bei 244 gl, deren neue Platte er uns mitgibt und die hier seit zwei Tagen auf Dauerrotation ist. Ich hasse Metal, aber ich liebe 244 gl, und für Songtitel wie "we saw the dirt but meta metal saved our lives" oder "ich bin champagner und du bist scheisse" könnte ich ihnen die Füße küssen oder mindestens genau so herumlaufen wie deren extrem gut gekleideter Basser:
Abgesehen von solchen Zufällen hat sich Göttingen in mehrerer Hinsicht ein bisschen wie Heimat angefühlt. Ein paar alte Gesichter und Bekannte gesichtet, oftmals reicht es nur für kurze Gespräche, kleine Stellungnahmen zur Gesamtsituation, trotzdem bleibt dabei viel mehr hängen. Wir stellen alle gemeinsam fest, dass es immer schwieriger wird, Leute davon zu überzeugen, auf ein Livekonzert zu gehen, auch wenn es nur 5 Euro kostet. Das ist einfach nichts mehr wert, sogar das Unter-Wert-Verkaufen. Vielleicht muss man erst behaupten, Stadienrock zu machen, damit das alles wieder irgendwen interessiert. Walla scherzt kurz, dass man ja auch nur noch youtube-Konzerte machen könnte, live aus dem Proberaum, bei allem Lächeln stimmt es uns doch nachdenklich. Als wären wir plötzlich die Dinosaurier.
Ungefähr 50 Leute tauchen auf, wir freuen uns sehr, spielen gelöst, vielleicht ein bisschen zu aufgedreht --nicht weiter verwunderlich nach dem lauwarmen Köln-Gig. Bei Telemark sitze ich größtenteils vor dem Konzertsaal, schaue mir die Menschen an, vertrage gerade keine Lautstärke. Wieder tut sich kurz die Frage auf, warum man das alles tut, die Erinnerungsfrage, das Erkennunsgzeichen, Shibboleth. Neben mir liegen ein paar unserer Mini-CDs, natürlich stelle ich mich nirgendwo hin, um die zu verkaufen. Wir sind keine Geschäftsmänner, wir tun das aus irgendeinem anderen Grund, und deswegen bin ich gerade hier, auf einer Holztreppe, in Göttingen, Niedersachsen, um diesen Grund zu suchen und zu erinnern.

Nach dem Konzert kommen vereinzelt Menschen angetropft und fragen nach Hörbarem. Das freut uns und fühlt sich besser an, als einen Merch-Table zu haben. Telemark sind da ja noch radikaler als wir: Haben zwei Platten raus und besitzen sogar Shirts, packen das alles aber nie aus. Irgendwas ist hier anders, und das ist auch gut so.
Nach weiteren endlosen Schwätzchen, in denen sich herauskristallisiert, dass irgendwie jede/r viel zu viel Mist um die Ohren und zu wenig Zeit für das gute Leben hat, werden wir von einem Typ namens Volker zu unserem Nachtlager in die Rote Strasse geleitet, die aus einem riesigen, linken WG-Block besteht. Mitten in der Fachwerksinnenstadt. Das ist so viel größer, hier, als irgendwo anders. Ich verliebe mich noch mehr in Göttingen.
Erst kurze Zeit später fällt mir auf, dass ich Volker schonmal irgendwo gesehen habe und er erzählt, dass er früher mal bei El Mariachi gespielt hat, die für mich eines der besten und intensivsten Live-Konzerte gespielt haben, vor ein paar Jahren im KV Nürnberg. Ich bin schon zu betrunken, um ihm mehr zu sagen, als dass ich das damals großartig fand, danach gehe ich aufs Klo und erschrecke, weil in dem Einquadratmeter-Klo eine Dreikubikmeter-Lampe hängt, die einen charmant dazu zwingt, sich gefälligst hinzusetzen. Einer aus unserer illustren Runde wird es trotzdem schaffen, dabei zu stehen.

Danach sitzen wir noch lange in der Küche, ich verabschiede mich irgendwann und lege mich im Matratzenzimmer auf die ganz große Matratze, ganz weit hinten, die auf einer Empore liegt, und drücke mich klein in eine Ecke; ich tue dies aus Höflichkeit, da ich mir denke, dass ich dann nicht vorne im Weg liege und alle anderen aufrutschen können. Als Mano als einer der letzten morgens gegen sieben ins Bett kriecht, merke ich, dass ich immer noch alleine liege, dass mir saukalt ist und ich dringend pinkeln müsste, aber den ganzen Raum notwendigerweise aufwecken würde, während ich von der Empore springe. Ich beiße die Zähne zusammen, zähle Nierensteine und schlafe wieder ein.

Gegen zehn Uhr steht Hasi Redmann auf und öffnet sofort ein Fenster; traditionell ist das der Moment, in dem ich ebenfalls senkrecht im Bett stehe. In einer Stunde wollen wir schon los, nach Esslingen brauchen wir geschätzte sieben Stunden. Mehr, als ich heute und gestern zusammen an Schlaf hatte. Ich stolpere in Richtung Dusche, die Carsten allerdings gerade schon besetzt. Irgendwann später stehen wir nackt vor dem Badspiegel und putzen Zähne, als würden wir das jeden Morgen machen. Während wir im Laufe dieser drei Tage -wir sind das erste Mal seit einem Jahr so lange unterwegs- endlich wieder von einer Band zur Familie wachsen, bekommen wir beide das selbe Gefühl: es scheint, als würde gerade irgend etwas anderes zu Ende gehen.

Ein paar Umarmungen später rollen wir raus aus Göttingen, zeitgleich mit Telemark, deren Kombi inzwischen wieder fit ist; gestern abend noch hat sich die Zentralverriegelung gegen sie verschworen und das Beladen wie das Einsteigen war nur noch über den Kofferrraum möglich.
Auf der Fahrt nach Esslingen verliere ich nach ungefähr sechs Stunden ein wenig meine Contenance. Ich will rauchen, ich will Wärme, ich will schlafen oer zumindest das nächste Bier. Das ist aber noch Stunden entfernt, in diesem Blog wird es wohl noch bis morgen dauern.

2 Comments:

Anonymous Anonym said...

Hat Sebi die Grüße aus Kassel ausgerichtet? Wenn nicht hier nachträglich.

1:23 nachm.  
Anonymous John K. Doe said...

na seppo - hier ist dein zwilling! und jetzt besuche meinen sudeligen blog www.jkd.blogsport.de

7:28 nachm.  

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