Montag, Januar 07, 2008

teil I: alles klar auf der andrea doria.

03.01. - 06.01.08: here comes conclusion herzt telemark

Vor mir die Wand aus Rucksäcken. Aus dem lehmgrauen Armeerucksack lugt eine kleine Thermoskanne hervor. Eine von vieren, die hier verteilt sind. Unsere Batterie aus Ingwertee.
Es ist kalt, klamm, Rucksäcke, Decken halten uns warm. Der Matekasten am Boden hat ungefähr Außentemperatur, ist also mindestens so kalt wie mein rechter Fuß, den ich seit Stunden nicht ganz unter die zwei Decken bekomme. Neben mir, und wenn ich den Kopf zurücklehne: Gitarrenkoffer.
Draußen ist es noch hell, schon wieder hell, immer noch. Gestern um diese Zeit, auf dem Weg von Duisburg nach Göttingen, da erreicht mich eine SMS, in der steht: "Das wäre schön. So im Bus. Der Fahrtwind draußen, die kühle Luft drinnen." Tour-Romantik. Die Luft ist nicht kühl, sie ist kalt. Und wir: seit vier Stunden unterwegs, Schlafen ist nicht, lesen ist nicht, dafür ist alles zu verschwommen. Ich bin auf Durchzug geschaltet, heute, am dritten Tag der Minitour, erneut mit den fantastischen Telemark. Ich will spielen, ich will Bier trinken und irgendwann vor Morgengrauen auf eine Matratze fallen, in meinen stinkenden Schlafsack kriechen, zu betrunken sein, um irgendjemandes Schnarchen wahrnehmen zu müssen, aufgeweckt werden, weitermachen. Alles, nur nicht im Bus fahren. Das Warten. Und die Frage: Was denken wir uns da nur immer? Sieben Stunden im Bus für eine halbe Stunde Musik.

Die drei Tage Tour, das war --wie vieles andere gerade-- immer wieder geprägt von Entscheidungen, Neubewertungen. Schon Oberüberaufklärer Immanuel Kant ging davon aus, dass das Weltall voller Gegensätze ist, dass man wahnsinnig werden muss, wenn man nicht hie und da Kongruenzen fände. Das ewige Suchen, das Anstrengende. Vielleicht ein Grund für die Sprachlosigkeit, die sich auch in diesem Blog seit Oktober breitgemacht hat, die mir immer weniger die Freude gibt, mit anderen Menschen wirklich zu reden, und nicht nur Kontakt aufrechtzuerhalten, auch wenn zu mehr gerade keine Zeit ist.

Einen Tag vor der Tour steht auf Jessica Hoppers Blog ein Zitat aus dem Essay "On Paul Ickovic's Photographs" von David Mamet:
"I would like to live a life free of constant self-examination--a life which may be ruled by the processes of guilt, remorse, hope and anxiety, but one in which thoses processes themselves are not foremost in the mind.
I would like like to belong to a world dedicated to creating, preserving, achieving or simply getting by. But the world of the outsider, in which I have chosen to live, and in which I have trained myself to live, is based on none of those things. It is based on observation."

Im Bus sitzen die Observatoren. Und einen Tag nach alle dem, genau heute, wird es problematisch, mehr als Eindrücke wiederzugeben, mehr als ein gestreutes "Danke" und ein paar mehr denunzierende "Fuck you"'s auszugeben, weil die Übertragung so schwierig ist. Im Bus sitzt du, du bist ein Seismograph, die Reifen tasten die Straße ab wie die Nadel eine Platte. mit dem ruhigen Zehnmeilenblick nimmst du's auf, saugst es rein, wirst zum Verstärker, später am Abend, später, nachdem alles vorbei ist.
In dem Moment, in dem wir die Bühne betreten, zeigt sich von selbst, wie alles ist, wir treten aus der Selbst-Betrachtung heraus und werden zum Objekt für alle anderen. Spielen wir schlecht, ist klar: Da ist noch mehr schlecht, als nur wir und die Gesangsanlage.

In Köln spielen wir donnerstags ein schrecklich steifes, unentspanntes und zeitweise auch ungestimmtes Set. Ich stehe auf einer kleinen Puppenbühne neben Mano, Nils und Carsten stehen vor der Bühne. Wir haben fast keinen Augenkontakt, weil wir in zwei Segmenten aufgereiht sind. Die Verstäkerwand hinter mir raubt mir das Gehör, aber die Gesangsanlage ist ja sowieso mindestens so scheiße wie der Kaffee im Backstageraum und das fehlende Nachtlager in Köln.
Immerhin, es kommen 40 Gäste, darunter viele Freunde. Elena, ohne Nikita, dafür lerne ich Michaels tolle Freundin Anna kennen, trinke leckeres Gaffel Kölsch und, of course: kommt es zu einem Wiedersehen mit Telemark. Und das standesgemäß. Kurz, nachdem wir nach unserer siebenstündigen Anreise erst einmal vom freundlich-gelangweilten Veranstalter zum Pizzaessen geschickt werden, schlagen wir wieder im Tsunami Club auf, und Björn, Bock, Walla, Max und seine Freundin Sabine sitzen wie Raben auf einer Stange und rauchen Zigaretten, was das Zeug hält. Mein Entschluß, endlich das Rauchen aufzugeben, weil ja jetzt in diesem ganzen schrecklichen Obrigkeitsland Rauchverbot herrrrrrrscht, verflüchtigt sich wenige Stunden später in einer blauen Wolke.
Wir sind angespannt bei Bühnenantritt, fühlen uns wie bestellt und nicht abgeholt, trotzdem scheint das Publikum mitzugehen, nun ja, zumindest gehen sie nicht weg. Bei Telemark bewegt es sich sogar, auch wenn die, genau wie wir, eher zurückhaltend aufspielen.
Nach dem Auftritt noch kurzes Plauschen mit den Angehörigen, Abrechnung, satte 40 Oisen pro Band - da weiß man wieder, wofür das alles: Für die Gema nämlich. Müsste der Club keine Gebühren an diese Musiknazis zahlen, wären wir wenigstens auf unsere Benzinkosten gekommen. Ich beschließe für mich, zukünftig Verträge für die Konzerte vorzufertigen, auf denen wir uns geschlossen weigern, versteckte Gema-Gebühren zahlen zu müssen, ohne selbst in diesem Scheißverein zu sein.

Selbiges teile ich auf der anschließenden Fahrt nach Duisburg unter Sympathiebekundungen Telemark mit. Glücklicherweise ist deren Maison nur ein wenig über eine Stunde von Köln entfernt und wir sitzen dort noch bis in den frühen Morgen, sinnieren über Max' und Sabines nächstes Projekt im Salon Alter Hammer und hören dabei zu viel Udo Lindenberg. Das nächste Salon-Buch wird unser aller liebstes Geschenk für alle Liebsten werden, das wissen wir jetzt schon, und Udos "Boogie-Woogie-Mädchen" wird mich durch die Soundchecks der kommenden zwei Tage retten. Als das Licht schon aus ist, legt Björn noch Udos "Cello" auf und verlässt mit den Worten "Das ist ein sehr großartiges, sehr trauriges Lied" das Zimmer.

Ich bin zu müde, gerade. Immer noch. Morgen wird mehr geschrieben, vielleicht auch kürzer.

1 Comments:

Anonymous Anonym said...

wenn du die GEMA und ihre dummheit hasst, leg sie doch einfach mal ein paar Wochen/ monate lahm. das ist ziemlich einfach und wird dir eine menge spass bereiten. gemäß § 10 des Urh WG sind die GEMA-Mitarbeiter VERPFLICHTET dir auskunft zu erteilen, welcher Song und welcher Interpret von der GEMA vertreten wird und welcher nicht. stell deine anfrage in vorbereitung auf eine MÖGLICHE ÖFFENTLICHE party. du möchtest natürlich nur sicher gehen, dass alles korrekt ist. die anfrage stellst du, weil die GEMA recherche auf der website leider nur auszüge anbietet. du möchtest nämlich aufgrund der GEMA Auskunft entscheiden, welche songs du spielen wirst und welche nicht. ;) dann sendest du eine 20 seitenlange titel und interpretenliste, am besten auf karopapier ausgedruckt per post, an die bezirksdirektion, die für deinen wohnort zuständig ist oder für geizige: eine mail mit dem anhang als unveränderbares pdf. so müssen die damen und herren nämlich alle songs u.s.w. von hand in ihren rechner hauen. und bei tausenden von titeln kann das dauern.... diesen tipp gibst du noch allen deinen freunden und die ihren freunden und dann kümmert sich da bald keiner mehr um was anderes. als mögliche titellisten eignen sich die playlists von internetradios übrigens. aber wichtig!! es muss per post oder wenigstens als unveränderbare pdf versendet werden.

10:15 vorm.  

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